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Der Stand der Globalisierung in einer fragilen Welt

In vielen Teilen der Welt ist die Globalisierung aktuell eine der meistdiskutierten politischen Fragen geworden. Doch kaum ein Thema spaltet die Bevölkerungen so sehr wie die Debatte über den grenzüberschreitenden Handel. So ist es nicht gelungen, breite Unterstützung für konstruktive Ansätze für die Zukunft zu finden. Stattdessen sehen wir uns mit politischen Unwägbarkeiten und Instabilität konfrontiert. Ein Grund dafür ist die Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität. Tatsächlich wird das Ausmaß des internationalen Austauschs zwischen den Ländern von vielen überschätzt.

Durch einen faktenbasierten Überblick über das tatsächliche Ausmaß der grenzüberschreitenden Interaktionen kann der DHL Global Connectedness Index (GCI) helfen, derartige Fehlwahrnehmungen zu korrigieren, und zu einer objektiveren Globalisierungsdebatte beizutragen. Der GCI 2018, den Pankaj Ghemawat, Phillip Bastian und ich gemeinsam erstellt haben, basiert auf der Untersuchung von zwölf Arten von Handels-, Kapital-, Informations- und Personenströmen im Zeitraum von 2001 bis 2017. Er analysiert den Grad der Globalisierung auf globaler Ebene nach Regionen und für 169 Ländern und Territorien, die zusammen einen Anteil von 99 Prozent am weltweiten BIP und 97 Prozent an der Weltbevölkerung haben.

Vernetzung erreicht neuen Höchststand

Entgegen den Prognosen, dass der zunehmende ökonomische Nationalismus die Globalisierung zum Erliegen bringen würde, hat der DHL Global Connectedness Index 2018 einen neuen Höchststand erreicht. Erstmals seit 2007 haben sich die Handels-, Kapital-, Informations- und Personenströme allesamt deutlich intensiviert. In der internationalen Politik hat sich die zunehmend globalisierungsfeindliche Rhetorik 2018 zwar in ersten konkreten Abschottungsmaßnahmen niedergeschlagen. Trotzdem signalisieren vorläufige Daten und erste konkrete Zahlen, dass der internationale Austausch – mit Ausnahme der Kapitalströme – im zurückliegenden Jahr weiter zugenommen hat.

Einige starke Kräfte wirken jedoch gegen die Globalisierung. Der Protektionismus und das schwächere Wirtschaftswachstum haben bereits zu einer Senkung der Handelsprognosen für 2019 geführt. Höhere Hürden für ausländische Unternehmensübernahmen könnten die Kapitalströme stärker beschränken. Gesetze zur Datenlokalisierung könnten das Wachstum der Informationsströme bremsen. Gleichzeitig gibt es in vielen Ländern Zuspruch für eine stärkere Beschränkung der Zuwanderung – die umstrittenste Form der internationalen Personenströme.

Umso wichtiger ist es, auch die positiven politischen Initiativen im Blick zu behalten. So war 2018 nicht nur ein Jahr schlagzeilenträchtiger Handelskonflikte, sondern auch ein Jahr wegweisender Handelsabkommen. Im März 2018 unterzeichneten elf Länder das transpazifische Freihandelsabkommen CPTPP (Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pacific Partnership) und 44 Länder die Vereinbarung über die Schaffung einer pan-afrikanischen Freihandelszone (African Continental Free Trade Agreement, AfCFTA). Im Juli vereinbarten die Europäische Union und Japan ein bilaterales Freihandelsabkommen. Und im Oktober einigten sich die USA, Kanada und Mexiko auf ein neues trilaterales Handelsabkommen. Unterdessen hat China seine „Belt & Road“-Initiative zur Stärkung der Verbindungen zwischen Asien, Europa und Afrika weiter vorangetrieben.

Die Globalisierung wird von den Menschen überschätzt

Trotz der jüngsten Globalisierungsfortschritte ist die Welt immer noch deutlich weniger vernetzt als viele Menschen glauben. Die meisten Ströme und Austauschprozesse finden immer noch auf inländischer und nicht auf internationaler Ebene statt. Beispielsweise werden nur rund 20 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung exportiert, ausländische Direktinvestitionsströme belaufen sich auf gerade einmal sieben Prozent der globalen Bruttoanlageinvestitionen, etwa sieben Prozent der weltweiten Telefonate (Gesprächsminuten, einschließlich der Anrufe über das Internet) entfallen auf internationale Gespräche, und lediglich drei Prozent der Menschen leben in einem anderen Land als ihrem Geburtsland.

In einer 2017 in sechs Ländern durchgeführten Umfrage unter Führungskräften aus der Wirtschaft wurden alle diese sowie weitere Indikatoren der Globalisierung überschätzt. Im Schnitt hielten die Befragten die Welt für fünf Mal so globalisiert wie sie tatsächlich ist! Frühere repräsentative Bevölkerungsumfragen in den USA sowie Befragungen von Studenten in verschiedenen Ländern kamen zu sehr ähnlichen Ergebnissen. Derartige Fehlwahrnehmungen scheinen Globalisierungsängste zu schüren. Menschen, die das Ausmaß der internationalen Vernetzung stärker überschätzen als andere, haben auch tendenziell größere Bedenken, dass die Globalisierung Probleme wie Klimawandel und Ungleichheit verschärft.

Auch ist es ein Mythos, dass Entfernungen durch Fortschritte in Transport und Telekommunikation heute keine Rolle mehr spielen. Wenn wir inzwischen tatsächlich in einer „flachen“ Welt lebten, in der Entfernungen (und andere Unterschiede zwischen Ländern) keine Rolle mehr spielten, würden die internationalen Handels-, Kapital-, Informations- und Personenströme schätzungsweise 67 Prozent weiter reichen als sie es heute tun. Tatsächlich aber ist der internationale Austausch so wenig global, dass rund die Hälfte der grenzüberschreitenden Interaktionen von Ländern mit ihren drei wichtigsten Partnerländern stattfindet.

Neue Länder-Rankings

Im Ranking der Länder mit dem höchsten Globalisierungsgrad belegen 2017 folgende Nationen die ersten zehn Plätze: die Niederlande, Singapur, die Schweiz, Belgien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Irland, Luxemburg, Dänemark, Großbritannien und Deutschland. Acht der zehn am stärksten vernetzten Länder befinden sich in Europa. Damit ist Europa auch die Region mit dem insgesamt größten Globalisierungsgrad, die sowohl bei den Handels- als auch bei den Personenströmen auf Platz eins steht. Im regionalen Ranking auf Platz zwei folgt Nordamerika, das bei den internationalen Kapital- und Informationsströmen führend ist.

Singapur, Hongkong SAR (China), Belgien, die Niederlande und Luxemburg sind die Volkswirtschaften mit der höchsten Vernetzungsintensität. Dort ist der Anteil der grenzüberschreitenden Interaktionen im Verhältnis zur Größe der Binnenwirtschaft besonders hoch. Bei den Ländern die hier führend sind, handelt es sich zumeist um wohlhabende und relativ kleine Länder.

Was die geografische Reichweite der Vernetzung angeht – das Maß, in dem sich die internationalen Ströme eines Landes global verteilen oder stärker konzentrieren -, haben Großbritannien, die USA, die Niederlande, Japan und die Südkorea die Nase vorn. Die hier führenden Länder sind ebenfalls zumeist wohlhabend, aber deutlich größer als die Länder mit der höchsten Intensität der globalen Vernetzung.

Was den Grad der Globalisierung angeht, sind große Unterschiede zwischen den entwickelten und aufstrebenden Volkswirtschaften festzustellen. Zwar liegen die Schwellenländer bei der Handelsintensität fast gleichauf mit den Industrieländern, jedoch ist die Einbindung der Industrieländer in die anderen Dimensionen der Vernetzung um ein Vielfaches intensiver: um das Dreifache bei den internationalen Kapitalströmen, um das Fünffache bei den Personenströmen und um das Neunfache beim internationalen Informationsaustausch. Auf globaler Ebene sind führende Politiker aus bedeutenden Schwellenländern zwar inzwischen zu großen Verfechtern der Globalisierung geworden. Tatsächlich jedoch ist der Aufholprozess von aufstrebenden Volkswirtschaften in Bezug auf die globale Vernetzung zuletzt ins Stocken geraten.

Der Blick nach vorn

Im GCI-Report 2016 schrieben wir: „Die Welt steht vor einer ungewissen Zukunft.“ Leider trifft diese Aussage auch heute noch zu: Welches Brexit-Szenario wird letztlich eintreten? Wie, falls überhaupt, wird der US-chinesische Handelsstreit gelöst werden? Haben Institutionen wie die Welthandelsorganisation in einem sich verändernden geopolitischen Umfeld noch eine Zukunft?

Die Zukunft der Globalisierung liegt in den Händen der politischen Entscheidungsträger weltweit. Die jüngsten Handelskonflikte sind ein Grund für das sich abschwächende globale Wachstum. Dies zeigt: Genauso wie eine Zunahme der weltweiten Vernetzung das Wachstum stärken kann, kann eine Verringerung der Globalisierung das Wachstum bremsen. Die Daten und Fakten des DHL Global Connectedness Index können Unternehmen und Ländern helfen, in diesem unsicheren und turbulenten Umfeld die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die Kennzahlen zur Intensität der Vernetzung („depth“) zeigen auf, welche Länder von einem Rückgang bestimmter Ströme am stärksten betroffen wären. Die Daten zur geografischen Verteilung des internationalen Austauschs („breadth“) lassen erkennen, ob eine derartige Entwicklung globale Auswirkungen hat oder räumlich stärker begrenzt bleibt.

Wir sind optimistisch, dass diese Studie auch zu einer produktiveren Globalisierungsdebatte beitragen kann. Sie kann dabei helfen, Ängsten entgegenzuwirken, die auf Fehlwahrnehmungen des Ausmaßes globaler Vernetzung zurückgehen. Zum Beispiel in Bezug auf die Zuwanderungsproblematik, eines der Themen, die den Menschen in Europa und den USA 2018 laut Umfragen am meisten Sorgen bereiteten. Auf beiden Seiten des Atlantiks schätzten Umfrageteilnehmer den Anteil der Zuwanderer in ihrem Land im vergangenen Jahr mehr als doppelt so hoch ein wie er tatsächlich ist. Wurden die tatsächlichen Zahlen genannt, reduzierte sich der Anteil der Befragten, die die Zuwanderung für problematisch hielten.

Diejenigen, die heute das Ende der Globalisierung ausrufen, liegen genauso falsch wie diejenigen, die vor zehn Jahren erklärten, dass Grenzen und Entfernungen durch die Globalisierung keine Rolle mehr spielten. Sowohl der internationale Austausch als auch die Hürden, die ihn begrenzen, haben beide eine beachtliche Dimension. Ihre jeweilige Bedeutung ist im Zeitverlauf sowie in verschiedenen Regionen und Branchen unterschiedlich groß. Wie es in den kommenden Jahren weitergeht, ist offen. Eine neue Welle der Globalisierung ist genauso denkbar wie eine Stagnation auf dem aktuellen Niveau oder eine Umkehr. Ganz egal, welches Szenario eintritt: Auf der Gewinnerseite dürften die Unternehmen und Länder stehen, die die Komplexität der internationalen Verflechtungen begreifen und erkennen, dass ausschließlich lokale oder globale Visionen der Zukunft zu kurz greifen.

Mehr Informationen über den DHL Global Connectedness Index

1 Kommentar

  • Hans-Joachim Cordes

    Wir leben derzeit in einer unruhigen Welt, die von Handelshemmnissen viele Unwägbarkeiten mit sich bringt. Dazu kommen noch einige „Brandherde“ deren Auisgang auch nicht abzusehen sind.

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