Twitter LinkedIn Google+ Facebook

Die Zukunft der Arbeit: Chefs und Teams ohne Grenzen

Arbeitsmarktforscher, Management-Experten, Organisationspsychologen – alle sind sich einig: Die Arbeitswelt vollzieht aktuell einen radikalen Wandel. Am Ende wird der Arbeitnehmer von morgen flexibler arbeiten als je zuvor, selbstständiger, aber auch selbstverantwortlicher. Er wird in wechselnden Teams, wechselnden Projekten und für wechselnde Arbeitgeber arbeiten. Vor allem werden die sogenannten Wissensarbeiter von überall aus arbeiten können…

Die Vorstellung fasziniert Vorgesetzte wie Mitarbeiter gleichermaßen. Die einen sehen darin eine zunehmende Flexibilisierung von Arbeitszeiten und Arbeitsorten und imaginieren schon mal das Jobben in der Hängematte an den Stränden von Sansibar oder San Diego, zur Not auch im Café um die Ecke. Die anderen assoziieren mit der neuen Freiheit vor allem die Chance, Bürokosten zu senken und im Zuge der Globalisierung ein rund um die Uhr aktives Unternehmen zu verwirklichen.

Möglich macht das die Technik: Die nahezu flächendeckende Verbreitung billiger Breitband-Internetverbindungen und immer stabilerer LTE-Netze erlauben uns heute global miteinander zu arbeiten, ohne das wir dazu am selben Ort sein müssen. Tatsächlich eröffnen uns virtuell vernetzte und kollaborativ arbeitende Belegschaften zahlreiche Optionen:

  • Sie entkoppeln die Arbeit vom Leistungsort.
  • Weil Mitarbeiter Ihre Arbeit schon zu Hause beginnen (oder fortsetzen) können, müssen sie nicht mehr im Stau stehen, kommen entspannter an, arbeiten produktiver.
  • Lange und teure Dienstreisen fallen weg, man verabredet sich einfach im virtuellen Raum oder zur Videokonferenz.
  • Zeitversetztes Arbeiten in der Cloud und rund um den Globus, spart Wartezeiten. Produktzyklen verkürzen sich, die Arbeitseffizienz steigt.
  • Weil nie alle Mitarbeiter anwesend sind, braucht es keine festen Arbeitsplätze für 100 Prozent der Belegschaft. Experten rechnen damit, dass so bis zu 30 Prozent der Büronutzflächen eingespart werden können.

Das Büro wird künftig nicht mehr unser zweites Zuhause sein, sondern umgekehrt: Unser Zuhause wird zum zweiten Büro.

Am wohlsten fühlen sich die meisten jedoch zuhause. Und so ist es nur konsequent, dass viele Arbeitnehmer in Zukunft nicht mehr jeden Tag ins Büro kommen müssen, sondern direkt von daheim aus arbeiten können. Arbeitsforscher sagen es schon länger voraus: Das Büro wird künftig nicht mehr unser zweites Zuhause sein, sondern umgekehrt: Unser Zuhause wird zum zweiten Büro. Einige werden nicht einmal mehr einen festen Arbeitsplatz haben. Schon heute sitzen nach Angaben des Fraunhofer IAO nur 39 Prozent der Arbeitnehmer immer am selben Schreibtisch.

Für rund 200 Mitarbeiter des IT-Konzerns IBM begann diese Zukunft schon 1991. Sie verloren damals ihren festen Arbeitsplatz – allerdings freiwillig. IBM einigte sich seinerzeit mit den Beschäftigten auf außerbetriebliche Arbeitsplätze – oder wie man heute sagen würde: auf ein generelles Home-Office. Inzwischen können alle 20.000 IBM-Mitarbeiter in Deutschland jederzeit von zu Hause aus arbeiten – egal, ob sie Geschäftsführer oder Sachbearbeiter sind. Auch Unternehmen wie die Deutsche Bank, SAP oder BMW lassen ihrer Mitarbeiter bereits so arbeiten: also wann und wo diese wollen.

Virtuelle Teams: Physische Zusammenarbeit ist besser

Wie immer gibt es, da wo Licht ist, auch Schattenseiten. Natürlich ist es eine hübsche Vorstellung, dass wir uns morgens nicht mehr mühsam durch den Pendlerstau zur Arbeit quälen müssen, sondern uns von jedem x-beliebigen Ort auf der Welt online einloggen und anschließend arbeiten, diskutieren, brainstormen können. Aber arbeiten wir so auch wirklich besser zusammen?

Als Harvard-Wissenschaftler dies vor einiger Zeit in einer Metastudie und mithilfe von rund 35.000 analysierten Aufsätzen auswerteten, kamen sie zu einem anderen Ergebnis: Teams, die physisch zusammenarbeiten, erzielen deutlich bessere Ergebnisse als virtuelle. Sie arbeiten auch besser miteinander im Wortsinn. Oder wie die Autoren selber schreiben:

„Es gibt eine Reihe von möglichen Erklärungen dafür: So kann es beispielsweise sein, dass gerade die räumliche Nähe eine bessere Zusammenarbeit ermöglicht und so auch zu einer höheren Qualität der Arbeit führt.“ Es kann aber auch sein, dass die physische Nähe den Austausch von Wissen sowie soziale Interaktionen begünstigt, die wiederum die Arbeitsergebnisse beschleunigen und fördern.

Wie führt man Teams, die sich kaum sehen?

Hinzu kommt eine zweite Herausforderung: Wie führt und managt man Teams überhaupt, die weltweit verstreut sind und noch dazu zeitversetzt arbeiten? Wenn sich keiner persönlich kennt, außer eben aus Mails oder Videokonferenzen, wenn keiner wirklich weiß, wie der andere arbeitet, was ihn antreibt oder gerade belastet, ist es nicht leicht zu erkennen, welcher Mitarbeiter welche Potenziale hat – vor allem für welche künftigen Aufgaben?

Mit dem neuen Problem haben sich bisher nur wenige Studien (etwa von der Universität Lüneburg (PDF) beschäftigt. Dabei betrifft es längst einige Manager.

Zum Beispiel Petra Wolf. Sie ist Marketingdirektorin für Dell Deutschland, hat ihren Hauptsitz zwar in Wien, leitet aber ein 18-köpfiges Team, das über ganz Deutschland verteilt ist und eben nicht physisch, sondern hauptsächlich online zusammenarbeitet. Doch auch wenn die Kommunikation der Kollegen untereinander hauptsächlich per Mail, Telefon und Videokonferenz stattfindet, kommt sie nicht ohne physische Treffen aus. Ihre Arbeitswoche noch immer aus einer Art Rundreise durch Deutschland, um alle zwei Wochen jedes Teammitglied persönliche getroffen zu haben.

Petra Wolf sagt dazu selbst: „E-Mails und Telefonkonferenzen erfüllen zwar Ihren Zweck, wenn es um die Exekution geht, also das Tracken von Projektfortschritten, das Absetzen von Informationen. Auch Feedback und Coaching-Gespräche können durchaus per Telefon stattfinden.“ Für jegliche Art von kreativem Brainstorming und Ideenentwicklung sei „die gemeinsame physische Anwesenheit“ jedoch nach wie vor und unbedingt erforderlich.

Der US-Soziologe Jeremy Rifkin prägte schon vor einigen Jahren den Begriff der „proteischen Persönlichkeiten“ – eine Anlehnung an den griechischen Gott Proteus, der sich zwar in jede beliebige Gestalt verwandeln konnte, dafür aber einen existenziellen Preis bezahlte: Er konnte sich nie selbst finden.

Rifkin sieht hier eine wichtige Parallele zur Moderne und denkt dabei an Menschen, die so sehr durch moderne Kommunikationsmittel vernetzt sind, dass sie ihre eigene Identität und Entwicklung aus den Augen verlieren. So schön die scheinbar grenzenlosen Chancen der modernen Arbeitswelt auch sind, die uns von Ort und Zeit befreien – sie zwingen zugleich zu ständiger Veränderungen, Umstrukturierungen, Erreichbarkeit und Anpassung. Bei Mitarbeitern wie Managern.

Die Kosten hierfür kennt aber noch keiner.

Am 25. November erscheint der Deutsche Post Glücksatlas 2015, der seit mittlerweile fünf Jahren die Lebenszufriedenheit in Deutschland misst. Außerdem widmet sich der Deutsche Post Glücksatlas in diesem Jahr in einem Schwerpunkt dem Thema Arbeitszufriedenheit. Im Vorfeld haben wir bekannte Blogger gebeten, über ihre Vorstellung zur Zukunft der Arbeit zu schreiben.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* = Pflichtfeld