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Ist Chinas Blütezeit vorbei?

Die chinesische Wirtschaft ist 2015 so langsam gewachsen wie zuletzt zum Höhepunkt der globalen Finanzkrise im Jahr 2009. Viele Unternehmen und Investoren drängen zum Ausgang. Sollten auch wir beginnen, unsere Sachen zu packen?

Diese Frage ist schon häufig gestellt worden: Hat China seine besten Zeiten hinter sich? Jetzt, da das Land die schwächsten BIP-Wachstumszahlen seit vielen Jahren vorgelegt hat, nehmen die Sorgen rund um die Welt zu. Werden Europa oder die USA Chinas Wachstumsverlangsamung deutlicher zu spüren bekommen? Und wie steht es mit bestimmten Branchen wie der Logistik?

Zunächst einmal möchte ich festhalten: Ich halte die Sorgen über die Wachstumsabschwächung in China für übertrieben. Das Land ist im vergangenen Jahrzehnt um durchschnittlich 7,5% pro Jahr gewachsen. Das ist ein extrem hohes BIP-Wachstum, nicht nur im Vergleich zu den 2,3%, die die US-Wirtschaft im gleichen Zeitraum geschafft hat. Chinas aktueller Wachstumsrückgang ist eine natürliche Folge der Verlagerung von einer investitions- zu einer konsumgetriebenen Wirtschaft. Mit der von manchen befürchteten harten Landung müssen wir aber nicht rechnen. Was wir in China derzeit beobachten, ist kein Absturz einer Wirtschaft, sondern eine koordinierte Mäßigung im Rahmen der Umstellung auf ein nachhaltigeres Wachstumsmodell. Diejenigen von uns, die in China Geschäfte machen, dürfte das nicht überraschen. Der jüngste Fünfjahresplan der Regierung nimmt explizit Bezug auf diesen Übergangsprozess.

Die chinesische Wirtschaft bereitet sich auf ein schneller wachsendes internationales Handelsvolumen vor als je zuvor

Das alleine bedeutet noch nicht, dass China seine besten Jahre noch vor sich hat – aber die nationale Handelspolitik deutet durchaus darauf hin. Die chinesische Wirtschaft bereitet sich auf ein schneller wachsendes internationales Handelsvolumen vor als je zuvor, sowohl als regionales Drehkreuz als auch als potenziell riesiger Importmarkt. „Ein Gürtel – eine Straße“, das Infrastrukturprogramm, durch das China, Europa und das restliche Asien miteinander vernetzt werden sollen, könnte Chinas Handelsvolumen innerhalb eines Jahrzehnts um 2,5 Billionen US-Dollar erhöhen. Durch den „Made in China 2025“ Fahrplan für die Modernisierung der chinesischen Industrie soll dafür gesorgt werden, dass „Made in China“ künftig nicht mehr für Massenware steht, sondern für Effizienz, Qualität und Innovation. Politische Initiativen wie die Integration der Zollabfertigung signalisieren, dass der Staat alles tut, was er kann, um neue internationale Marktchancen zu erschließen und das Wachstum zu stärken.

Logistikanbieter können einen wichtigen Beitrag zu Chinas künftigem Wachstum leisten – vor allem durch Unterstützung der Investitionen des öffentlichen und privaten Sektors in China. Zum einen können wir zur besseren Vernetzung der Handelsrouten beitragen. Beispielsweise bieten wir Kunden in entlegenen Teilen des Landes, wo die Kapazitäten kurzfristig nicht erhöht werden können, Zugang zu Luft- und Seefrachtdrehkreuzen. Außerdem können wir die nötige Infrastruktur bereitstellen, um das enorme aktuelle und erwartete Handelsvolumen abzuwickeln. Chinas politische Entscheider rechnen mit zunehmenden Handelsaktivitäten und haben sogar 40 Milliarden US-Dollar zur Finanzierung großer Infrastrukturprojekte zur Verfügung gestellt. Wir haben bislang multimodale Korridore eingerichtet, über die chinesische Waren innerhalb von 14 Tagen nach Europa gelangen, LKW-Routen zwischen der ASEAN-Region und China, die innerhalb einer Woche zurückgelegt werden können, und mehr als 13 Gateways und Hubs für unterschiedliche Transportmittel in ganz China. Wahrscheinlich werden wir unsere Infrastrukturinvestitionen nochmals ausweiten, wenn die Eurozone und die ASEAN-Länder das „Ein Gürtel – eine Straße“-Programm voll ausnutzen, um chinesische Kunden zu erreichen.

Das vielleicht höchste Gut, das internationale Logistikanbieter liefern können, ist und bleibt aber das Wissen. Chinas Arbeitskräfte werden neue Kompetenzen erlernen und neue Servicestandards verinnerlichen müssen, wenn die Umstellung auf einen effizienteren Handel und eine liberalisierte Inlandsnachfrage gelingen soll. Umfangreiche Initiativen wie „Ein Gürtel – eine Straße“ oder kleinere Initiativen wie die Straffung der Zollabfertigung werden ohne die Unterstützung von Unternehmen mit langjähriger Erfahrung im Management komplexer internationaler Lieferketten und aller Details der Inlandszustellung kaum Erfolg haben.

Mit ihren weltumspannenden Handelsrouten, die auch Transporte nach und innerhalb von China umfassen, verfügen internationale Logistikanbieter über genau diese Erfahrung. Wir nutzen unsere Expertise, um neue Geschäftschancen zu erschließen. Beispielsweise haben wir unsere besten Nachwuchskräfte aus China und anderen Ländern an mehr als 40 Standorten entlang des „Ein Gürtel – eine Straße“-Netzwerks platziert. Und weil China ein Zentrum für Dienstleistungsinnovation ist und bleibt, haben unsere Teams begonnen, neue, durch die zunehmend dynamische Inlandsnachfrage entstehende Marktchancen zu nutzen, zum Beispiel im E-Commerce und bei den Lebensmittelimporten.

Was den Welthandel angeht, verfolgt Chinas große und komplexe Ambitionen. Um diese zu realisieren, braucht China lokales Know-how und eine globale Perspektive. Beides ist unerlässlich – für kleinste Prozesse genauso wie für große Infrastrukturinvestitionen. Dank ihrer jahrzehntelangen Erfahrung können internationale Logistikanbieter diese Perspektive bieten. Genau da setzen auch mein Team und ich an. Wir sind einzigartig aufgestellt und tragen eigenhändig dazu bei, Chinas Wachstum zu unterstützen und die Rahmenbedingungen für den Handel zwischen China und dem Rest der Welt zu verbessern. Schließlich werden unsere Züge, Flugzeuge und LKWs von Menschen gesteuert.

Die chinesische Wirtschaft durchläuft ohne Zweifel einen einschneidenden Transformationsprozess. Ich bin aber überzeugt, dass Chinas beste Jahre erst noch bevorstehen. Wenn wir jetzt die richtige Saat säen – die Infrastruktur, die Kompetenzen und die Dienstleistungen, die das Land braucht –, werden wir uns auf noch viel mehr Wachstum freuen können.

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