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Wie globalisiert ist die heutige Welt?

Noch vor einigen Jahren schien der Vormarsch der Globalisierung für viele eine Art Naturgesetz zu sein. Der Handel würde doppelt so schnell wachsen wie das Bruttoinlandsprodukt, während internationale Investitionen und Informationsflüsse neue Höchstwerte erreichten. Angesichts der globalen Finanzkrise, die enorme Veränderungen für Handel und Kapitalströme brachte, stellen wir uns die Frage, ob die Globalisierung zum Stillstand gekommen oder sogar im Rückgang begriffen ist.

Die Realität ist sehr viel komplexer, wie der kürzlich veröffentlichte DHL Global Connectedness Index 2014 (GCI) belegt. Der GCI, den Steven A. Altman und ich gemeinsam erstellt haben, bietet einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der Globalisierung, der sich von allen anderen vergleichbaren Indizes unterscheidet. Er ermöglicht uns eine detaillierte Analyse und Messung der Vernetzung unseres Planeten. Damit kann er in politische Entscheidungen einfließen und Hinweise auf mögliches Wachstumspotenzial geben.

Ich möchte Ihnen im Folgenden einige unserer wichtigsten Ergebnisse vorstellen.

Erholung der Globalisierung

Die Globalisierung hat sich von der Finanzkrise erholt.

Der DHL Global Connectedness Index 2014 zeigt, dass die Globalisierung sich von der Finanzkrise erholt. Wie aus dem Bericht hervorgeht, hat die globale Vernetzung, gemessen an zwölf Arten von Handels-, Kapital-, Informations- und Personenströmen, die meisten im Laufe der Finanzkrise erlittenen Einbußen wieder wettmachen können.

Insbesondere die Tiefe internationaler Interaktionen – das heißt, der Anteil des grenzüberschreitenden Zusammenspiels – entwickelte im Jahr 2013 eine Eigendynamik, nachdem der Erholungsprozess im Vorjahr ins Stocken geraten war. Das ist erfreulich, da die Tiefendimension des Index in einer Wechselbeziehung zu Wirtschaftswachstum und anderen Wohlstandsindikatoren steht. Allerdings sind diese Aufwärtsbewegungen nicht in sämtlichen Arten der Interaktion gleichermaßen zu beobachten: die Handelstiefe stagniert weiterhin.

Außerdem stellen wir fest, dass die Tiefe der globalen Vernetzung insgesamt relativ begrenzt bleibt – sie ist geringer, als gemeinhin angenommen. Durch zukünftige Impulse in diesem Bereich ließen sich potenziell Gewinne in Höhe mehrerer Billionen US-Dollar erzielen. Der Vorstandschef von Deutsche Post DHL, Frank Appel, bestätigt unsere Einschätzung, wenn er betont: „Ich bin überzeugt, dass eine prosperierende Welt mehr und nicht weniger Integration braucht.“

Während die Tiefe der Globalisierung im Jahr 2013 wieder zunahm, hat die Globalisierungsbreite ihren mehrjährigen Abwärtstrend fortgesetzt. Die Breite bemisst, wie genau die Verteilung der internationalen Ströme eines Landes in seinen Partnerländern der Verteilung gleichgearteter Ströme auf globaler Ebene entspricht. Der Index belegt, dass die Breite der globalen Vernetzung rückläufig ist, da die Industrienationen mit der großangelegten Verschiebung wirtschaftlicher Aktivität in die Schwellenländer nicht Schritt gehalten haben: ihre Breite geht zurück, während sie in den Schwellenländern zulegt (wenngleich von einer niedrigeren Ausgangsbasis).

Verschiebung wirtschaftlicher Aktivität nach Osten

Aufgrund des schnelleren Wachstums und der steigenden Vernetzung der Schwellenländer verschiebt sich das wirtschaftliche Gravitationszentrum des Planeten nach Osten. Wir haben festgestellt, dass die zehn Länder, deren globale Vernetzung im Zeitraum 2011 bis 2013 am stärksten gewachsen ist, ausnahmslos Schwellenmärkte waren, von denen sich acht auf zwei Regionen verteilen: Süd- und Mittelamerika und die Karibik sowie Afrika südlich der Sahara. Insgesamt sind die Schwellenländer heute an den meisten internationalen Interaktionen beteiligt – ein Meilenstein, der 2010 erreicht wurde; zuvor verliefen die meisten internationalen Ströme zwischen den Industrienationen.

Die Tatsache, dass die Industrienationen hinterherhinken, deutet darauf hin, dass diese Länder sich möglicherweise Wachstumsmöglichkeiten in Schwellenmärkten entgehen lassen. Um diesem Trend entgegenzuwirken, müssten mehr Unternehmen ihre Kapazitäten erweitern, um geografisch ferne Wachstumsquellen zu erschließen.

Diese Entwicklung verändert auch die Landkarte der globalen Vernetzung. Die Regionalisierung des Handels ist nach jahrzehntelangem Anstieg mittlerweile rückläufig. Sämtliche von uns gemessenen Ströme – Handel, Kapital, Informationen und Personen – haben sich 2013 gegenüber 2005, dem Ausgangsjahr des Index, über größere Distanzen ausgeweitet.

Europa weiterhin am besten vernetzt

Zusätzlich zu einem umfassenden Überblick über den Stand der Globalisierung erstellt der Bericht 2014 auch eine Rangfolge der Länder mit dem weltweit höchsten Vernetzungsgrad. Die Niederlande führen bei der allgemeinen globalen Vernetzung weiterhin die Liste an, obwohl sie weder bei der Tiefe noch bei der Breite an der Spitze stehen. Sie werden gefolgt von Irland, Singapur, Belgien, Luxemburg, der Schweiz, dem Vereinigten Königreich, Dänemark, Deutschland und Schweden (in dieser Reihenfolge). Interessant: Neun der zehn am besten vernetzten Länder sind in Europa. Der Kontinent bleibt weltweit die Region mit der besten globalen Vernetzung, mit den höchsten Durchschnittswerten in den Indexkategorien Handel und Personen. Nordamerika kommt in der Gesamtwertung auf Platz Zwei und ist in den Kategorien Kapital und Information die führende Region.

Die weltweit am schlechtesten vernetzten Regionen sind Afrika südlich der Sahara, Süd- und Zentralasien sowie Süd- und Mittelamerika und die Karibik – was der Tatsache Rechnung trägt, dass die Schwellenmärkte den Industrieländern in diesem Punkt üblicherweise hinterherhinken. Wenn man genauer hinsieht, ergibt sich jedoch ein gemischtes Bild: Schwellenmärkte sind zwar hinsichtlich der Handelsströme ungefähr ebenso global vernetzt wie die Industrieländer, jedoch sind sie nur circa ein Viertel so tief in die internationalen Kapital- und Personenströme integriert und lediglich ein Neuntel so globalisiert, was die Informationsflüsse betrifft. Wenn der Trend bei den Schwellenmärkten mit zunehmendem Wachstum mehr in die Richtung der heutigen Industrienationen ginge, könnte dies der globalen Vernetzung einen starken Schub verleihen. Ob dies tatsächlich geschieht, bleibt jedoch fraglich, also werden wir die Entwicklung in den kommenden Jahren weiter verfolgen.

Ausrichtung bietet wichtige politische Orientierungshilfe

Wir nehmen auch Angaben über die Ausrichtung der Vernetzung in den GCI auf, indem wir zwischen ein- und ausgehenden Strömen unterscheiden. Eine solche Ausrichtung ist oft von großem Belang für politische Entscheidungsträger, die schwerpunktmäßig stark mit nationalen Handelsbilanzen befasst sind. Es hat sich jedoch gezeigt, dass der Warenhandel bei den von uns untersuchten Interaktionen die geringsten Spreizungen aufweist. Bei den nicht-handelsbezogenen Interaktionen liegen die Abweichungen um das Zwei- bis Fünffache höher. Und im Zeitraum 2005 bis 2013 haben die Ungleichgewichte bei den meisten Interaktionsarten eher zu- als abgenommen.

Wir berichten separat über die Ausrichtung, da wir dies auch als Instrument für die Messung von Tiefe und Breite nutzen können. Wenn beispielsweise die nach innen gerichtete Tiefe eines Landes die nach außen gerichtete Tiefe übersteigt, ist es möglicherweise sinnvoller, sich auf die Stärkung der nach außen gerichteten Tiefe zu konzentrieren.

Der Index hat Relevanz

Ich denke, Sie werden feststellen, dass der DHL Global Connectedness Index die umfangreichste Betrachtung des aktuellen Stands der Globalisierung bietet, aufbauend auf einer 140 Länder umfassenden Detailanalyse über einen Vergleich der Regionen bis zu einem zusammenfassenden Überblick darüber, welchen Wandel die Welt als Ganzes durchläuft. Unser „3-D-Ansatz“ – Tiefe der internationalen Interaktion, Breite der geografischen Verteilung und Ausrichtung (nach außen versus nach innen) – basiert ausschließlich auf harten Fakten, so dass wir Tatsache von Fiktion bzw. „Globalisierungsmärchen“ unterscheiden können. Darüber hinaus vermeiden wir hierdurch eine Vermengung der Globalisierungsflüsse mit ihren Impulsgebern, was als Grundlage für eine bessere politische Analyse dient.

Sollte Sie das nicht überzeugen, ist der GCI der einzige unter den Globalisierungsindizes, der den laut vielen Beobachtern stärksten Rückgang der Globalisierungsintensität während der Finanzkrise erkannt hat.

Laden Sie den vollständigen Bericht rechts auf dieser Seite herunter. Und nutzen Sie gerne die Kommentarfunktion unten, um mir Ihre Gedanken zu dem Thema mitzuteilen.

Web-Special zum DHL Global Connectedness Index 2014
DHL Global Connectedness Index zum Download

 

DHL Global Connectedness Index 2014: Wo steht die Globalisierung heute?

 

Thomas Kipp, CEO DHL eCommerce, und Pankaj Ghemawat, Co-Autor des Berichts und international anerkannter Experte für Globalisierung, über die Ergebnisse des DHL Connectedness Index 2014, einer detaillierten Studie zum Grad der Globalisierung.

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