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Indien: Die fünf großen Trends

Die indische Geschäftswelt wandelt sich rasant. Mit der größten Steuerreform seit 70 Jahren werden die Karten neu gemischt. Worauf Sie achten sollten.

Es ist die umfassendste Steuerreform in den 70 Jahren seit der Unabhängigkeit Indiens. Am 1. Juni 2017 wurde das bisherige Geflecht an Steuersystemen und -regelungen, das sich über die 29 Bundesstaaten und 7 Unionsterritorien erstreckte, durch ein landesweit einheitliches Mehrwertsteuersystem ersetzt. Damit verändert sich das Geschäftsumfeld für alle in und mit Indien agierenden Unternehmen. Auch in der Logistikbranche haben umfassende, strategische Reaktionen nicht lange auf sich warten lassen. Noch funktioniert das neue System nicht reibungslos, doch trotzdem lohnt es sich, fünf Trends im Auge zu behalten.

Seit der Unabhängigkeit Indiens im Jahre 1947 fielen auf Bundes-, Bundesstaats-/Provinz- und sogar auf Städte- und Gemeindeebene jeweils eigene, indirekte Steuern an. Über Provinzgrenzen hinweg tätige Unternehmen sahen sich einer Vielzahl an Steuern und einem Wust von Bürokratie gegenüber. Die Besteuerung der Steuern belastete die Unternehmen zusätzlich und auch der administrative Aufwand, der betrieben werden musste, um Konformität mit derart vielen Steuerregimen zu gewährleisten, trieb die Kosten in die Höhe. Und der Warentransport war nicht nur kosten-, sondern aufgrund der Kontrollstellen und Mautstationen auch zeitintensiv.

Ein freier Waren- und Dienstleistungsverkehr im gesamten Land, wie ihn das einheitliche Steuersystem nun ermöglicht, ist vor diesem Hintergrund eine Revolution, mit der das bereits rasante Veränderungstempo weiter anzieht. Nimmt man noch den technologischen Fortschritt hinzu, wird einem fast schon schwindelig. Steuerangelegenheiten werden künftig online abgewickelt. Das öffnet Unternehmensformen wie App-basierten Taxi- und Lieferdiensten oder virtuellen Händlerportalen, die es in Indien vor fünf Jahren überhaupt noch nicht gab, Tür und Tor. Doch aller Anfang ist schwer. Daher überrascht es nicht, dass in den ersten Wochen seit der Einführung einige Kinderkrankheiten aufgetreten sind und sowohl der öffentliche als auch der private Sektor mit der Umsetzung kämpfen.

Ungeachtet der guten Reaktion von staatlicher Seite gingen Investitionen und Bestände sowie die Zahl der inländischen Transaktionen aufgrund eben dieser anfänglichen Unsicherheit teilweise stark zurück. Die nächsten Feuerproben lassen nicht lange auf sich warten: Zum einen beginnt in Kürze die Steuerabrechnung, zum anderen feiert man in Indien im Oktober mit dem Lichterfest Diwali das wichtigste Fest des Jahres, zu dem historisch sowohl Unternehmens- als auch Konsumentenausgaben in die Höhe schießen.

Die meisten Experten versprechen sich von der Steuerreform ein offeneres Umfeld, in dem der Nachbarbundesstaat nicht mehr wie ein anderes Land anmutet, und den Wachstumsimpuls, den die indische Wirtschaft so dringend braucht. Fünf sich abzeichnende Trends erscheinen besonders vielversprechend:

1. Umgestaltung der Logistikketten. Der Warentransport in Indien gestaltet sich seit jeher schwierig. Wer von einem Bundesstaat in einen anderen zog, kam sich oft vor, als zöge er in ein anderes Land. Um Kosten zu sparen, waren Lieferketten und Lagermodelle oftmals auf Steuereffizienzen ausgelegt. Mit der Steuerreform ändert sich das. Die Entscheidung für oder gegen einen Produktions-, Lager- oder Vertriebsstandort kann nun auf Basis der Herstellungs- und Vermarktungs- bzw. Transportkosten getroffen werden. Lieferketten können so strukturiert werden, dass Kosten, Bestände und Laufzeiten sinken. Doch damit nicht genug. In den vergangenen zehn Jahren ging der Trend bereits zu moderneren Warenlagern, doch mit der Steuerreform sind hier weitere Effizienzsteigerungen zu erwarten, bis hin zu Lagerhäusern für mehrere Kunden, in denen Skaleneffekte voll genutzt werden können. Dadurch können sich auch kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) am Markt positionieren und wachsen. Im Zuge des Wachstums im B2C- und B2B-Onlinehandel werden weitere effiziente und flexible Lagermodelle sowie innovative Lösungen für Fulfillment und letzte Meile aufkommen. Im Straßentransport erwartet die riesige – und extrem unorganisierte – indische Lkw-Branche enorme Effizienzsteigerungen, wenn Regelungen transparenter und Fahrten von einem Bundesstaat in den anderen einfacher werden. Vor diesem Hintergrund sind in den kommenden Jahren enorme Investitionen in die Logistik zu erwarten.

2. Digitale Branchen. Mit einer landesweit einheitlichen Mehrwertsteuer können Online-Handelsplattformen und Aggregatoren einen großen, nationalen Markt viel leichter bedienen. Darüber hinaus gewinnen sie für Unternehmen, die ihre Produkte digital vermarkten und die Einhaltung der Steuerregelungen sicherstellen wollen, an Attraktivität. So kann beispielsweise Uber seine Autovermittlungsdienste nun, da die Ausstellung von Rechnungen und Formularen zur Vorlage bei den Steuerbehörden viel einfacher ist, auch Großunternehmen anbieten. Einige Branchen wagen den Schritt in die digitale Welt bereits. So haben im Transportgewerbe Start-up-Unternehmen digitale Plattformen für Tausende Kleinspediteure aufgebaut. Das ist nur ein Beispiel für die vielen Innovationen, die mit der Steuerreform das Gesicht der indischen Logistikbranche verändern.

3. E-Governance. Auch im öffentlichen Sektor ebnet die Steuerreform der Digitalisierung den Weg, in diesem Fall zur „digitalen Governance“. Unter dem neuen Steuerregime wird die steuerliche Pflichterfüllung online dokumentiert, physische Meldungen und Genehmigungen für den Transport über Bundesstaatsgrenzen hinweg werden durch einen „E-Frachtbrief“ ersetzt, Steuererklärungen werden online eingereicht. Das wäre ohne ein einheitliches Steuersystem undenkbar. Diese Transparenz ist in Indien etwas ganz Neues. Die Kostensenkungen sind real, die Fixkosten fallen, Unternehmen können mehr Zeit auf ihr Kerngeschäft verwenden. Indien gewinnt dadurch für ausländische Investoren enorm an Attraktivität. Dies gilt insbesondere für KMU, die bisher vor dem undurchsichtigen Markt zurückgeschreckt waren.

4. Ausländische Direktinvestitionen. Diese ausländischen Investoren sind der vierte Trend. Nun, da sich Skaleneffekte im gigantischen (und wachsenden!) indischen Konsumgütermarkt besser nutzen lassen, ist mit stärkeren Mittelzuflüssen in Form ausländischer Direktinvestitionen zu rechnen, denn viele Investoren werden sich frühzeitig in der – Expertenmeinungen zufolge – bald drittgrößten konsumbasierten Wirtschaft der Welt positionieren wollen. Die Vorstellung, sich in diesem Markt etablieren zu können, ohne im ganzen Land Repräsentanzen unterhalten zu müssen, ist einfach verlockend. Während die chinesische Wirtschaft vom Export abhängt, sind in Indien die Konsumenten der Motor der Wirtschaft. Dank der Kombination aus Steuerreform und Digitalisierung können nun auch noch die Konsumenten und Geschäfte im letzten indischen Dorf erreicht werden. Eine ganze KMU-Horde aus Asien, Europa, Nordamerika und anderen Teilen der Welt schickt sich an, sich ein Stück an diesem Kuchen zu sichern, und baut ganze Branchen neu auf.

5. Integration von KMU in die Lieferkette. Doch nicht nur ausländische, auch indische KMU, die aufgrund der unterschiedlichen Steuersysteme und ohne Zugang zu größeren Lieferketten bisher nur mühsam über ihren lokalen Markt hinaus expandieren konnten, werden von den Neuerungen profitieren. Die Eintrittsbarrieren der Märkte bröckeln, sodass es indischen KMU schon bald möglich sein wird, Marktchancen im ganzen Land zu ergreifen. Mit einem einfacheren, landesweit einheitlichen Steuersystem und offenen Bundesstaatsgrenzen werden die Karten neu gemischt – und KMU können sich den großen Mitbewerbern stellen. In der Folge werden bald im ganzen Land mehr KMU-Produkte zu sehen sein.

Nach Jahren des Wartens ist es nun soweit: Das indische Mehrwertsteuersystem wurde reformiert oder besser gesagt revolutioniert. Für viele Branchen ergeben sich durch die Umwandlung der Geschäftslandschaft fantastische Möglichkeiten. Kinderkrankheiten tun dem keinen Abbruch. Wer die Nase vorn haben will, sollte diese fünf Entwicklungen im Auge behalten.

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