Twitter LinkedIn Google+ Facebook

Energiesektor: Lieferketten waren noch nie so wichtig wie heute

Durch die Einigung der OPEC auf eine Begrenzung der Erdölförderung hat sich der Ölpreis zuletzt zwar etwas erholt. Er liegt aber weiter in der Nähe historischer Tiefstände und stellt die globale Energieindustrie vor enorme Herausforderungen. In diesem Umfeld sind die Lieferketten- und Logistikstrukturen wichtiger denn je.

Die Wirtschaftspresse überschlug sich geradezu in ihrer Berichterstattung über den OPEC-Deal. Schließlich war es auch das erste Mal seit 2008, dass sich die Organisation erdölexportierender Länder auf eine Drosselung der Ölfördermenge einigen konnte. Wie zu erwarten war, schossen die Öl-Terminkontrakte nach der überraschenden Einigung sofort in die Höhe. Brent-Rohöl verteuerte sich um rund 6 Prozent und notiert jetzt wieder über 50 US-Dollar je Barrel – so hoch wie seit mehreren Monaten nicht mehr.

Für den Energiesektor ist der OPEC-Deal zweifellos eine gute Nachricht, weil er die Umsätze – und das Anlegervertrauen – stärkt, zumindest kurzfristig. Als die Ölrally auch die Aktienmärkte erfasste, waren die Energieunternehmen die größten Gewinner.

All das sind erfreuliche Nachrichten. Trotzdem sollte nicht vergessen werden, dass die Industrie zwei Jahre hinter sich hat, in denen die Preise so stark und anhaltend gefallen sind wie seit langem nicht mehr. Diese Erfahrung hat den in der Branche bereits eingeleiteten Kurswechsel nochmals beschleunigt. Ein höherer Ölpreis wird daran nichts ändern. Langfristige Trends verändern den globalen Energiehunger und die weltweite Energienutzung. Die großen Energieunternehmen hoffen, auch künftig gute Renditen einfahren zu können, indem sie den weltweiten Bedarf für Energie und andere, auf fossilen Brennstoffen basierende Produkte decken. Dazu investieren sie kräftig in kurz- und langfristig angelegte Projekte.

Herausforderung oder Chance?

Für den Energiesektor sind Preisschwankungen wahrlich nichts Neues. Überall auf der Welt haben die Ölproduzenten ihre Förderanlagen weiterlaufen lassen. Jeder hofft, dass der anhaltende Preisdruck die Konkurrenz zuerst in die Knie zwingen wird. Hinter den Kulissen wird derweil weiter kräftig an der Kostenschraube gedreht, um die Rentabilität zu verbessern. Viele Unternehmen prüfen, wie sie ihre Logistikabläufe und Lieferketten optimieren könnten.

Das gilt insbesondere für Unternehmen in nachgelagerten Segmenten der Industrie. Tatsächlich gewinnt der Downstream-Bereich zunehmend an Bedeutung und eröffnet neue Möglichkeiten der Diversifikation in Segmenten wie Diesel und Chemie, in denen die Preise nicht so stark eingebrochen sind. Die vorübergehend höheren Margen ihrer Downstream-Raffinerien und -Produktionsanlagen haben den Ölkonzernen willkommende Liquidität zugeführt. In einigen Sektoren, vor allem in der Chemie, hat der Zugang zu billigem Öl und Gas die Geschäftsdynamik verändert. Die USA zum Beispiel sind durch das kostengünstige Schiefergas zu einem der weltweit attraktivsten Produktionsstandorte für die Chemieindustrie geworden.

Dabei dürfen wir die erneuerbaren Energien nicht vergessen. Traditionelle Energieunternehmen entwickeln sich auch in diesem Sektor zu bedeutenden Akteuren. Offshore-Windanlagen eröffnen der Industrie die Möglichkeit, die Expertise zu nutzen, die sie durch den Bau und Betrieb von Produktionsplattformen unter schwierigen, maritimen Bedingungen erworben hat. Ölkonzerne wetteifern sogar darum, wer den größten Beitrag zur Energiewende leisten kann. Die französische Total und die norwegische Statoil sind zwei Beispiele für Unternehmen, die sich der Lösung der Herausforderungen in diesem Bereich verschrieben haben.

Lieferketten werden wichtiger

Die Kombination von Abschwung und Diversifikation hat erhebliche Auswirkungen auf die betrieblichen Strukturen, und die Logistik bildet da keine Ausnahme. Im Rahmen von Contracting-Modellen schreibt die Energieindustrie seit Jahrzehnten Dienstleistungen wie Logistik auf Einzelprojektbasis aus. Das hat zu einer Fragmentierung der Lieferketten und Unterauslastung von Anlagen geführt. Inzwischen wächst das Interesse an Ansätzen, die eine gemeinsame Nutzung dieser Anlagen durch verschiedene Projekte, Geschäftseinheiten und sogar Wettbewerber vorsehen. Diese Vorgehensweise erfordert neue kommerzielle Modelle, um sicherzustellen, dass die dadurch realisierten Effizienzvorteile ebenfalls allen zugutekommen.

Einige Energieunternehmen haben versucht, Preisvorteile zu erzielen, indem sie ihren Pool an Logistikanbietern vergrößert haben. Andere machen genau das Gegenteil und lagern mehr Logistikleistungen an einen Dienstleister aus. Diese vorausschauenden Unternehmen setzen auf die Konsolidierung ihrer vielen separaten Lieferketten, zum Beispiel durch die gebündelte Materiallagerung in Zentrallagern – ein Ansatz, den ich für sehr nachhaltig halte.

Eine weitere Konsolidierung über die verschiedenen Bereiche und Segmente der Industrie – Upstream und Downstream, konventionell und erneuerbar – ist zu erwarten. Wer jetzt die Chance nutzt, sich breiter aufzustellen, wird sehen, wie sehr es sich auszahlen kann, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Schließlich werden Wind- und Solarprojekte ähnlich geplant und umgesetzt wie Upstream-Öl- und Gasprojekte. Im Downstream-Bereich kann die Logistik eine wichtige Rolle spielen – zum Beispiel, indem sie neue Modelle für die Markteinführung und kundenorientierte Lösungen für die letzte Meile entwickelt.

Können die Energieunternehmen in dieser ‚neuen Normalität‘ erfolgreich bestehen?

Bei unserer jüngsten DHL Global Energy Conference in Houston, Texas, haben wir uns mit den operativen Auswirkungen dieser ‚neuen Normalität‘ beschäftigt. Klar ist: Die Industrie weiß, was auf dem Spiel steht und arbeitet daran, diese Herausforderungen zu meistern. Die Veränderungen, die ich gerade beschrieben habe, belegen das deutlich. Mit der zunehmend breiten und öffentlichen Unterstützung der globalen Nachhaltigkeitsagenda rücken innovative Lösungen in den Vordergrund. Die Entwicklung und Erprobung neuer Technologien – von Elektrofahrzeugen und Solarpaneelen bis zu Biokraftstoffen in der Luftfahrt – wird mit großem Interesse verfolgt.

Dabei wird deutlich: Um den Wandel erfolgreich zu meistern und mitzugestalten, brauchen wir innovative und partnerschaftliche Ansätze sowie solide Logistik- und Supply-Chain-Strategien.

Zuletzt haben zwar der OPEC-Deal und die jüngste Erholung des Ölpreises die Schlagzeilen beherrscht. Die strukturelle Neuorientierung der globalen Energieindustrie schreitet aber fort. Hinter den Kulissen arbeiten die Unternehmen daran, ihre Kosten zu senken, profitabler zu wirtschaften und neue Geschäftschancen zu erschließen. Dabei prüfen viele, ob ihnen eine Optimierung ihrer Logistikabläufe helfen könnte, diese Ziele zu erreichen. Dafür ist es höchste Zeit. In der ‚neuen Normalität‘ sind die Lieferketten wichtiger denn je.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* = Pflichtfeld