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Kann die moderne Seidenstraße den globalen Handel wiederbeleben?

Chinas ambitionierte „Belt & Road“-Initiative nimmt Fahrt auf. Um ihr Potenzial voll zu entfalten, muss sie aber noch einige Hürden nehmen.

Der erste Güterzug aus Yiwu, einem bei ausländischen Händlern beliebten Rohstoffzentrum in der ostchinesischen Provinz Zhejiang, traf vor kurzem in der Londoner City ein. Gerade einmal 18 Tage brauchte der fast nur mit Textilwaren und Konsumgütern beladene Zug für die Strecke – und war damit etwa doppelt so schnell wie ein Schiff.

Die britische Hauptstadt ist der neueste Zielort auf der inzwischen 12.000 Meilen langen Route von China nach Europa – und eine wichtige Ergänzung des expandierenden Schienenverkehrsnetzes, das Teil des chinesischen Wirtschaftsförderungsprojektes „Belt & Road“ ist. Mit der 2013 von Präsident Xi Jinping vorgestellten Initiative „One Belt, one Road“ (Ein Gürtel, eine Straße) will China eine moderne Variante der antiken Seidenstraße errichten. Das Ziel: eine Belebung des Handels und der wirtschaftlichen Entwicklung zwischen China und dem restlichen Eurasien.

Damit hat sich die chinesische Regierung viel vorgenommen. Geschätzte 4 bis 8 Billionen US-Dollar wird die Vision einer neuen, mehr als 60 Länder verknüpfenden Handelsroute China kosten. Das ist viel Geld. Wenn das Projekt sein Potenzial voll entfaltet, dürfte sich diese Investition aber mehr als auszahlen. Einige Experten schätzen das jährliche zusätzliche Handelsvolumen durch die „Belt & Road“-Initiative bis 2025 auf über 2,5 Billionen US-Dollar – wenn die neue Route erst einmal voll in Betrieb genommen worden ist.

Auch aus der Logistikperspektive betrachtet ist das Potenzial enorm. Das geplante Schienenverkehrsnetz kann den Luft- und Seefrachttransport ergänzen oder eine interessante Alternativoption auf den betroffenen Strecken bieten. Über die Schiene können auch die vielen Binnenländer entlang einer der historisch wichtigsten internationalen Handelsrouten erschlossen werden. Der Gütertransport auf der Schiene ist wirtschaftlicher und umweltfreundlicher als der Luftfrachttransport, dabei aber schneller als der Seefrachttransport. Wir haben die neue Infrastruktur entlang der Belt & Road-Route in den vergangenen Jahren genutzt, um unser eigenes multimodales Asien-Europa-Asien-Netzwerk auszubauen – und wir sind sehr zufrieden mit den Ergebnissen. Besonders hoch im Kurs steht die Route bei Unternehmen aus der Modebranche, der Autoindustrie und dem Elektroniksektor mit ihren oftmals zeitkritischen Sendungen. Weiteres Nachfragewachstum scheint vorprogrammiert – einige Experten prognostizieren bis 2020 ein Schienengüterverkehrsvolumen von rund 1 Million TEU.

Angesichts der protektionistischen Bestrebungen führender Politiker in aller Welt nimmt das Belt & Road-Projekt gerade zur rechten Zeit Fahrt auf. Bei dem letzten Weltwirtschaftsforum in Davos hielt der chinesische Präsident Xi ein einzigartiges Plädoyer für die Globalisierung und wirtschaftliche Zusammenarbeit. Tatsächlich könnte die „neue Seidenstraße“ mit allen damit einhergehenden neuen Schienenverkehrswegen, Häfen, Straßen und Flughäfen Handel und wirtschaftliche Entwicklung in einigen der am wenigsten entwickelten Regionen der Welt fördern. Die Initiative eröffnet der chinesischen Exportwirtschaft neue Märkte und schafft neue Arbeitsplätze für chinesische Arbeitskräfte, bahnt aber auch einen neuen Handelsweg nach Osten.

Noch gilt es aber, einige Hürden aus dem Weg zu räumen, die das Projekt bremsen könnten – nicht zuletzt Protektionismus und Bürokratie. Allzu oft machen komplexe länderspezifische Zollverfahren den Grenzübertritt extrem mühevoll und langwierig. Ihr volles Potenzial wird die Initiative nur dann entfalten, wenn sie auch ihr Ziel erreicht, eine effektive Plattform für wirtschaftliche Zusammenarbeit zu schaffen. Eine solche Plattform müsste über den Aufbau von Infrastruktur hinausreichen und neben einer Koordination auf politischer Ebene auch eine engere Zusammenarbeit in Handel und Finanzierung sowie auf gesellschaftlicher und kultureller Ebene umfassen. Öffentlicher und privater Sektor werden sich gut abstimmen müssen, um unnötige bürokratische Verzögerungen zu vermeiden und den grenzüberschreitenden Handel zu erleichtern. Insbesondere die Regierungen sind aufgerufen, die Zollverfahren und Regulierungsrahmen zu vereinfachen. Die Umsetzung des WTO-Abkommens über Handelsvereinfachungen, das im Februar in Kraft getreten ist, sollte oberste Priorität haben. Es wird den Weg für moderne Zollverfahren ebnen, die für mehr Effizienz und Transparenz sorgen und das BIP-Wachstum ankurbeln.

Chinas erster Belt & Road-Gipfel unter der Schirmherrschaft von Präsident Xi in Peking ist gerade zu Ende gegangen. Rund 30 Staatsoberhäupter haben dem Programm ihre Unterstützung zugesagt. Andere wie die Führung der EU betrachten Miteigentümerschaft, Transparenz und Nachhaltigkeit als wesentliche Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit. An Begeisterung und Unterstützung für das Projekt fehlt es sicherlich nicht – trotzdem bleibt noch einiges zu tun, um alle Länder für die Vision zu gewinnen.

Wie die antike Seidenstraße könnte diese neue Handelsroute die Entwicklung der gesamten Region, durch die sie führt, auf Jahre hinaus prägen. Die Möglichkeiten, neue Märkte zu erreichen und neue multimodale Handelsrouten zu entwickeln, sind vielfältig, die ersten positiven Auswirkungen bereits erkennbar. Wenn es gelingt, die verbleibenden Hürden abzubauen, die diesem ehrgeizigen Projekt im Weg stehen, könnte das Belt & Road-Programm dem Welthandel tatsächlich eine völlig neue Dynamik verleihen.

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